Poesie in Glas

Luftblasen aus Glas

Gerahmte Glasobjekte/©Fabio Zonta

Bonsai-Skulpturen aus Glas

Collezione Polpo/©unknown

Simone Crestani

Atelier Crestani di Simone Crestani
Via Boschi 36a
I-36043 Camisano Vicentino/Vicenza
Tel. 0039/393/2399458
 
www.simonecrestani.com

 

Mit spektakulären Glasobjekten sorgt der italienische Glaskünstler Simone Crestani für Aufsehen. Seine preisgekrönten Arbeiten verbinden ausgefeiltes technisches Know-how mit einem feinen Gespür für poetische Ideen. Wir sprachen mit dem Meister.

 

Zur Glasblaserei kam Simone Crestani durch Zufall. Im zarten Alter von 15 Jahren nahm der damalige Gymnasiast einen Ferienjob bei der renommierten Glasmanufaktur von Massimo Lunardon in Venetien an. Und blieb dort zehn Jahre lang. In dieser Zeit verfeinerte er seine Glasblastechnik immer weiter. Als er 2010 dann sein eigenes Studio, „Atelier Crestani“, nahe Vicenza eröffnete, war er bereits selbst ein Meister seines Fachs. „Ich habe sofort gespürt, dass Glas zu mir passt, denn ich habe mich schnell sicher im Umgang mit diesem Material gefühlt“, erzählt er. „Es war Liebe auf den ersten Blick. Und wenn man Dinge gerne macht, macht man sie gut.“ Dass er seine Sache gut macht, illustriert eine eindrucksvolle Reihe an internationalen Ausstellungen seiner Werke. Jüngst stellte er in der Bernd Goeckler Gallery in New York aus, auf der Milano Design Week ist er jährlich mit seinen Werken präsent, zum Beispiel 2019 im Showroom der Nobelmarke Adele-C. Und auch in München hat er Spuren hinterlassen: 2018 fand im Schwabinger Showroom von Ingo Maurer während der Munich Creative Business Week eine viel beachtet Einzelausstellung unter dem Namen „Kristalline Wunderkammer“ statt. Im gleichen Jahr gewann der 35-Jährige zudem den angesehenen Preis „Talent du Luxe 2018“ des Pariser Centre du Luxe et de la Création, das hochwertiges Kunsthandwerk fördert, in der Rubrik „Talent de L´Audace“.

 

Dass der Italiener für seinen handwerklichen und künstlerischen Mut ausgezeichnet wurde, ist schlüssig, lotet er doch in jedem seiner Objekte die Grenzen des technisch Machbaren aus. Und so stellt sich beim Betrachten seiner Dekorations- ebenso wie der Gebrauchsobjekte seiner Kollektionen, ob Lampe, Spiegel, Tisch, Glas oder Karaffe, immer sofort die Frage, wie man Glas in derart überraschende, zwischen skulpturaler Robustheit und feiner Fragilität changierende Formen blasen kann. Die Antwort Crestanis fällt da ganz lapidar aus: „Technik, Technik und nochmals Technik. Verbunden mit Mut zum Experiment.“ Sich selbst sieht er daher weniger als Künstler, mehr als Kunsthandwerker. Das Geheimnis seiner Palette an Techniken ist der kontrollierte Umgang mit der Flamme während des Blasens. Mittels der Flamme, die ihm zugleich „Freund und Feind“ ist, „ringt“ er mit dem Material so lange, bis seine Idee Gestalt annimmt – ein heikler Prozess, der keinen noch so kleinen Fehler verzeiht. Immer wieder zerbrechen seine Unikate kurz vor der Fertigstellung. Ein Risiko, das Simone Crestani, der gerne die vermeintlichen Grenzen des Möglichen immer weiter neu auslotet, als „Teil des Spiels“ empfindet und gerne auf sich nimmt. Die Inspiration und die Ideen für seine Werke entspringen einer tiefen Naturverbundenheit.

 

Schon als Kind erkundete er die Wälder, Hügel und Berge seiner Heimat, des südlichen Alpenvorlands des Veneto. Stets fasziniert von der Formenvielfalt der Natur. Und so finden sich in seiner Kollektion ultrafein gestaltete Bonsai-Bäume, Karaffen mit Stopfen in Hirschgeweih-oder Käferform, darüber hinaus Fischskelette, Kraniche oder Korallen als Dekoelement. Aber auch Stücke, in denen abstrakte Naturformen wie Luft- und Wasserblasen oder Spinnennetze eine tragende Rolle spielen. „Meist löst eine Detailbeobachtung den kreativen Prozess aus“, erklärt er. „Das kann die Form eines Blütenkelchs einer Blume sein, die Krümmung eines Astes oder eine bestimmte Körperhaltung eines Tieres.“ Eindrücke dieser Art machen allerdings einen langen Transformationsprozess durch, bevor sie sich in fertigen Arbeiten manifestieren. Zwischen der Impression und dem ersten Entwurf vergehen meist Wochen. Früher skizzierte der Künstler seine Eindrücke zuerst auf Papier, heute beginnt er sofort mit dem Blasen eines Entwurfes, um seine Emotionen und Ideen möglichst direkt umzusetzen. Ein Prozess, an dessen Ende nicht die Abbildung, sondern eine Interpretation, in Simone Crestanis Worten ein „ganz individueller Fingerabdruck auf der Impression“, der Natur steht. Und so muten seine Objekte immer auch fantastisch, sinnlich und poetisch an – verzauberte Natur in Glas geblasen. Einen maßgeblichen Anteil an der Aura seiner Meisterstücke hat der gezielte Umgang mit Licht als Gestaltungselement, die Inszenierung der Skulptur im Licht.

 

Simone Crestani arbeitet ausschließlich mit klarem Borosilikatglas, das einen besonders hohe Schmelztemperatur hat, sehr stabil ist und Temperaturschwankungen während des Blasprozesses gut verträgt. Um ein facettenreiches Lichtspiel zu erzielen, ist ihm eine gewisse Imperfektion wichtig. Die Oberfläche, ja die ganze Skulptur darf Ecken und Kanten behalten, in denen sich das Licht fängt und bricht. Je nach Beleuchtungssituation verändert sich die Gestalt seiner Arbeiten beständig, Details treten hervor und verschwinden wieder, stets wird der Blick auf neue Feinheiten gelenkt. Diese Art, mit der Umgebung und dem Betrachter zu kommunizieren, verleiht seinen schillernden Glasskulpturen etwas Unergründliches und Geheimnisvolles. Wie stehen seine künstlerischen Objekte im Verhältnis zu seinen Gebrauchsobjekten, wollen wir wissen.

 

„Am Anfang steht immer die freie Arbeit“, erklärt er. Erst später findet die Abstraktion zur Funktion, ohne dass die feine Poesie der Kunstobjekte verloren geht. So scheint zum Beispiel bei seiner „Console Eterea“, der „Ätherischen Konsole“, die Konsolen-Platte auf einem Strom aufsteigender Glasblasen zu schweben, während bei seinem „Bubble Cabinet“ besagte Glasblasen frei durch den Schrankkorpus zu strömen scheinen. Ideen, die aus dem Profanen das Ungewöhnliche machen – mal augenzwinkernd, mal poetisch. Bei den Gebrauchsobjekten kommen auch anderen Materialien, etwa Holz, zum Einsatz, die er, soweit möglich, ebenfalls im Atelier selbst bearbeitet. Nur wenn die passenden Maschinen fehlen, wird außer Haus in Kooperation mit befreundeten Manufakturen gefertigt. Sowohl im Bereich der Gestaltung als auch jener der Fertigung möchte Simone Crestani immer die absolute Kontrolle behalten. Das ist auch der Grund, weshalb er keine Aufträge für fremde Designmarken annimmt, die Produktion nicht erweitert und seine Freiheit vehement verteidigt. Diese Freiheit, diese Kompromisslosigkeit merkt man seinen Werken an.

 

Text von Christian Wurm

 

Käfer Die Zeitung 1/2020

 

 

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