Eine kleine Geschichte des Schaukelstuhls

14.10.2013 12:41 Alter: 7 yrs

 

Eine sanfte Schaukelbewegung wirkt auf Kinder beruhigend. Diese Erkenntnis in Verbindung mit dem Wunsch, den höchst erfreulichen Effekt auch dann befördern zu können, wenn man die Hände nicht frei hat, um den Nachwuchs selbst zu wiegen, mag zur Entwicklung der ersten Kinderwiegen im 13. Jahrhundert geführt haben. Von dieser Zeit an führt die Evolution der „Schaukelmöbel“ von der Kinderwiege über das Schaukelpferd zum Schaukelstuhl, dessen älteste Exemplare auf die ersten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts datiert werden.


Heute gelten die noch immer gefertigten und in ihrer Schlichtheit zeitlos eleganten „Shaker“-Schaukelstühle, der an der amerikanischen Ostküste siedelnden, gleichnamigen Glaubensgemeinschaft als Urtyp des „rocking chair“. Da aus dieser Zeit auch Gartenstühle und Stühle mit Schaukelkufen aus England und Schweden überliefert sind, reklamierten alle drei Länder die Erfindung des „rockers“. Dennoch wird vor allem in den USA der Schaukelstuhl in der Folge zu einer Art nationalem Symbol, was sich nicht zuletzt in der – zwischenzeitlich widerlegten – These spiegelt, Präsidentenikone Benjamin Franklin wäre der Vater zumindest der drehbaren Variante mit stark gebogenen Kufen. In der Tat fand das Möbel mit der entspannenden Wirkung in Amerika weltweit die größte Verbreitung. Spätestens seit Anfang des 19. Jahrhunderts war der Schaukelstuhl endgültig etabliert und wurde mittels neuer Produktionstechniken in Serie gefertigt.


Auf der Veranda, im Garten und vor dem Kamin wurde quer durch alle Gesellschaftsschichten geschaukelt, und selbst im Weißen Haus mochte man sich diese Freude nicht versagen. Belegtermaßen besaßen die US-Präsidenten Abraham Lincoln und John F. Kennedy „Shaker“-Schaukelstühle. War der Vorfahre Wiege ein Kinder möbel, so hatte sich die Wahrnehmung des Schaukelstuhls sukzessive verändert und wurde jetzt eher mit Alter und Weisheit in Verbindung gebracht. Großeltern pflegten ihre Lebens erfahrung vom Schaukelstuhl aus an ihre Nachfahren weiter zu geben. Bezüglich der Formgebung markiert der 1860 von Thonet in Bugholz angefertigte „Schaukelstuhl Nr. 1“ (Abbildung 8) den Beginn einer Entwicklung vom alltäglichen Gebrauchsmöbel hin zum originell gestalteten Designobjekt. Im 20. Jahrhundert kommen - auch dank neuer Produktionstechniken – immer innovativer gestaltete Entwürfe auf den Markt, die sich dem Thema mit Originalität, großer gestalterischer Freiheit und nicht zuletzt mit Augenzwinkern widmen.


Vom ersten „Shaker“-Modell bis zum futuristischen Hi-Tec- Entwurf des 21. Jahrhunderts profitieren alle Modelle mehr oder weniger vom Effekt der simplen Schaukelbewegung an sich. Ein Effekt, der nach heutigem Stand der Wissenschaft in einer positiven Stimulation des Gleichgewichtsorgans durch das gleichmäßige Auf und Ab wurzelt und sich ebenso beruhigend wie stimmungsaufhellend auswirkt. In einer amerikanischen Studie zur Behandlung von Demenzkranken wurde eine Beziehung zwischen der Dauer täglichen Schaukelns und der Einnahme beruhigender Antidepressiva festgestellt. Je länger die Patienten schaukelten, desto stärker konnte die Dosis der Medikamente gesenkt werden. So reicht die Wissenschaft die Erklärung nach, warum es überhaupt zu Schaukelmöbeln kam: Schaukeln macht schlicht glücklich und entspannt. Heute schon geschaukelt?

 

 

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