Fornasetti

14.10.2013 12:41 Alter: 7 yrs

 

Wie der Vater, so der Sohn.

 

Ein Fornasetti ist unverwechselbar. Man erkennt ihn sofort. Er ist einmalig wie ein Kunstwerk und doch gibt es ihn vieltausendfach. Als Möbelstück, Tapete, Vase oder Wandteller, als Teppich oder als Objekt. Das Besondere ist immer das Motiv, denn darin liegt das Fornasetti-Geheimnis. 

 

Da gibt es Sonnengesichter und Schmetterlingsschwärme, glotzende Eulen und Montgolfieren, Ozeandampfer und Stadtlandschaften, oder goldene Schlüssel in dichtem Laub. Und natürlich die berühmtesten von allen: die Architekturen, die an Trompe-l’oeil-Malerei erinnern. Und das lakonische Frauengesicht der Opernsängerin Lina Cavallieri, deren Porträt Pietro Fornasetti in einem Magazin aus dem 19. Jahrhundert gefunden hatte. Hunderte Varianten gibt es von ihrem Antlitz. Jedes davon ein poetisches Augentheater, eine kleine Geschichte, eine Prise Humor. Wie jedes Fornasetti-Motiv. Manchmal pur wie ein Kindergedanke, immer ganz greifbar, niemals abstrakt.


100 Jahre wäre der Mailänder Pietro Fornasetti in diesem Jahr geworden, 75 wurde er, 1988 ist er verstorben. Sein einziger Sohn Barnaba hält sein Erbe in Ehren, und nicht nur das: er entwickelt es weiter, auf grandiose Weise. Wie ein Kaleidoskop der Träume wirkt das Stammhaus der Fornasettis, ganz unscheinbar in der Via Bazzini im Mailänder Universitätsviertel gelegen, in seinem Inneren. Hier empfängt der heute 63jährige Barnaba Gäste wie in einem Privatmuseum. In diesen Räumen und im Fornasetti-Flagship-Store in der Corso Matteotti beginnt man allmählich zu begreifen, was es eigentlich heißt, dass der Senior weit über 10.000 grafische Entwürfe hinterlassen hat, die so gut wie alles schmücken, womit es sich wohnen und leben lässt.


Vom legendären italienischen Architekten und Designer Giò Ponti wurde Fornasetti in den 30er Jahren entdeckt, nachdem er nach zwei Jahren sein Kunststudium geschmissen und danach Industriedesign studiert hatte. Ein Autodidakt, wie es oft heißt, war Fornasetti also beileibe nicht. 1950 richteten sie gemeinsam das Casino San Remos ein und danach den Oceanliner „Andrea Doria“. Gleichzeitig revolutionierten sie mit der Möbelserie "Architettura" den Einrichtungsstil Nachkriegsitaliens: Ponti lieferte die Möbelentwürfe und Fornasetti die Dekors. Und wer wollte, konnte in einem Augenzwinkern leben.


Barnaba wurde gewissermaßen in Vaters Atelier geboren, dort, wo heute noch in originalen Kartons tausende von Motiven lagern. Und er erinnert sich gut an die überbordende Fantasie und Schaffenskraft des Seniors: als er einst, als kleiner Junge, mit einem Hortensienblatt aus dem Garten in das Atelier des Vaters kam, machte der flugs ein Tablett daraus.


Wie der Vater studiert auch der Sohn an der Accademia di Brera, wie Pietro bricht auch Barnaba ab. Die wilden Sechziger ziehen ihn in die Welt hinaus, er reist viel und lebt ein seeliges Hippieleben. Macht Grafikdesign und später Modedesign mit dem Amerikaner Ken Scott und renoviert alte Landhäuser in der Toskana. Noch heute lässt er sich seine Anzüge aus edlen Vintage-Stoffen nach eigenen Entwürfen von einem südamerikanischen Schneider anfertigen und entspricht auf dem ersten Blick dem Künstler-Klischee.


Als Barnaba Fornasetti 1982 nach Mailand zurückkehrt, weil er vom Vater darum gebeten wird, kommt er gerade noch rechtzeitig. Dem Jungen wird schnell klar, dass der Alte kein guter Geschäftsmann war: trotz der internationalen Beachtung ist die finanzielle Situation der Eltern angespannt. Und es gilt Vaters Geheimnisse zu entdecken: seine spezielle Flachdruck- und Lacktechnik, die den Fornasetti erst ihre Brillianz und Aura gab. Und die Quelle dieses unglaublichen OEuvres, denn vieles hatte der Senior gar nicht originär selbst erfunden, sondern Bilder aus Zeitschriften, Büchern oder Kunstkatalogen kopiert, variiert und neu interpretiert. Seiner Zeit auf seine Art weit voraus.


Barnaba der Dandy zeigt schnell seine Geschäftstüchtigkeit. Er vergibt – bis heute – Lizenzen und lässt Fornasetti damit zu einer Marke werden. Er demokratisiert das Design und macht es zugänglich. Doch er reproduziert nicht nur die Entwürfe seines Vaters oder interpretiert sie, sondern entwickelt das Fornasetti-Design auch auf kraftvolle Weise weiter. Vor allem führt er Farbe ein, wo der Vater meist schwarz-weiß blieb, wie bei der wundervollen handbemalten und -lackierten Zebra-Kommode. Und manchmal, in melancholischen Momenten, lässt er das kongeniale Duo wieder aufleben und erschafft einen Geschirrschrank in Form von Pontis berühmtem Pirelli-Hochhaus in Mailand, bedruckt mit Fornasettis „Reflecting City“-Zeichnung.


Eine Empfehlung: Mit der 1875 gegründeten britischen Tapeten-Manufaktur Cole and Son, die auch den Buckingham Palace und das Weiße Haus ausstattet, brachte Barnaba Fornasetti in diesem Frühjahr eine neue Kollektion auf den Markt. Zu Ehren des 100. Geburtstags seines Vaters. Von teils berückender Schönheit. Stilvoll und zeitlos. Ganz Fornasetti.

 

 

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