Matteo Cibic Studio

 

Er sprengt die Grenzen zwischen Kunst und Produktdesign. Und wird als Shootingstar der italienischen Design-Szene gefeiert.


Seine Werke werden von renommierten Museen wie dem Pariser Musée Pompidou ausgestellt, dem Glasmuseum in Shanghai oder dem Triennale Design Museum in Mailand. Er entwickelt mit seinem Team kreative Ideen und Objekte für private Sammler und internationale Firmen wie Dodo aus dem Hause Pomellato oder Scarlet Splendour, die junge indische Luxusmarke. Und auch wenn Matteo Cibic bei uns noch nicht dieselbe Bekanntheit genießt wie in den europäischen Nachbarländern, so eilt seinem Namen doch ein Ruf voraus: Sein Onkel, der Architekt Aldo Cibic, war Mitgründer der Mailänder Gruppe Memphis, die in den 1980er-Jahren die vordergründige Funktionalität von Möbeln und Design infrage stellte und ein Anti Design entwickelte, das Alltagsformen lust- und fantasievoll interpretierte. Der 1983 in Parma geborene Neffe Matteo war als Kind und Jugendlicher häufiger Gast im Atelier des Onkels. Wenngleich er schon immer gerne mit den Händen gearbeitet hat, kam dem Jungen eine Karriere als Designer damals noch nicht in den Sinn. Denn obwohl der Einfluss des Onkels sicher in dieser Zeit seinen Ursprung hat, war es zu diesem Zeitpunkt Matteos fester Wille, Papst zu werden. Doch irgendwann verwarf er die ehrgeizigen Pläne, als Oberhaupt der katholischen Kirche in die Geschichte einzugehen. Der Teenager wollte lieber weltlichen Ruhm erlangen, Michael Jordan nacheifern und Basketballstar werden. Aber trotz seiner Größe und professionellem Training siegte schließlich die Liebe zu Kunst und Design über die sportlichen Ambitionen: Er immatrikulierte sich am Institute of Art and Design in Kent, machte am Mailänder Polytechnicum seinen Bachelor in Kunst, Design und Architektur, um danach einen der begehrten Plätze am „Fabrica“-Institut der Firma Benetton zu bekommen. Dort standen die raffiniertesten technischen Möglichkeiten zur Verfügung, mit denen er und seine Kommilitonen sich spielerisch und unter Anleitung hochqualifizierter Spezialisten künstlerisch ausprobieren konnten.


Und Matteo Cibic entwickelte seinen ganz eigenen Stil. Heute sprengt er die Grenzen zwischen Produktdesign und Kunst, kombiniert auf experimentelle Weise unterschiedlichste Materialien und Produktionstechniken zu faszinierenden Einrichtungsgegenständen mit surrealer Note. Es sind humorvolle Kreationen wie die 2009 entstandenen „Domsais“, die er selbst „Schreibtisch-Tamagotchis“ nennt, und bei denen unter einer Glashaube Kakteen und andere Sukkulenten wachsen. Eines seiner bekanntesten Projekte, „Vasonaso“, startete am 1. Januar 2016 und endete 365 Tage später am 31. Dezember. Inspiriert vom italienischen Maler Giorgio Morandi, der vor allem für seine Stillleben bekannt war, kreierte der Designer jeden Tag eine handgemachte Vase mit einer Nase und veröffentlichte sie punkt 12 Uhr auf seiner Internetseite. First come, first served“ wurde sie dann sofort verkauft. „Jede Vase hat ihre eigene Persönlichkeit“, betont Cibic. Da gäbe es traurige und fröhliche, dramatische oder stillere. Und ihre Beziehungen untereinander würden sie offenbaren, wenn man sie miteinander kombiniere. Ein interessanter und vermutlich verkaufsfördernder Gedanke …


Mit einer seiner letzten Ausstellungen, „Dermapoliesis“, berührt Cibic anthroposophische Fragestellungen und entwirft eine dystopische Vision der Zukunft. Die Keramiken, die der Designer im Herbst 2017 auf dem London Design Festival präsentierte, muten bizarr an: Eine sieht unter ihrer Glaskuppel aus wie eine Mini-Palme, andere haben Hörner, Bommeln und Kurven, zudem verströmen sie einen Duft, der das Erlebnis synästhetisch macht. Cibic sagt dazu: „Wir sind daran gewöhnt, Rohstoffe von der anderen Seite der Welt zu uns zu schiffen und sie auf komplizierteste Weise zu verarbeiten. Wieso versuchen wir nicht mal, uns vorzustellen, dass Lebensmittel und Produkte ganz anders hergestellt werden?“ Und so imaginiert er Prototypen einer ganz neuen Ära-Pflanzen, die als organische Maschinen fertige Waren oder Lebensmittel in unseren Wohnzimmern produzieren. Matteo Cibic, der von sich selbst sagt, er würde krank, könnte er nicht ständig Ideen entwickeln, liebt es, verschiedenste Materialien und Verarbeitungstechniken miteinander zu verbinden. Dabei entzündet sich seine Kreativität oftmals an ganz banalen Dingen und Stoffen. Doch erst durch die Kombination von Ideenreichtum und fundamentalem Wissen um Produktions- und Fertigungsmechanismen entstehen dann seine neuartigen Objekte, deren herausragende Eigenschaft es ist, gänzlich unerwartete Funktionen zu verbergen, die erst in der Interaktion mit dem Betrachter zutage treten.

 

Von Anna Schütz

 

 

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