Ford GT

 

Der Supersportwagen hat die Gene des einstigen Seriensiegers von Le Mans. Und das Beste: Man darf ihn auf der Straße fahren.

 

Begriffe wie „Sensation“ oder „Klassiker“ werden heute inflationär verwendet. Und nicht selten bleibt bei genauerem Hinschauen davon nicht allzu viel übrig. Der neue Ford GT aber rechtfertigt wohl beide Begriffe. Schon seine Geschichte bzw. Erfolge im Automobilsport wissen selbst heute, rund 50 Jahre später, noch zu beeindrucken. So gelang dem Ford GT40 in den Jahren 1966 bis 1969 das Kunststück, gleich viermal in Folge die berühmt-berüchtigten „24-Stunden von Le Mans“ zu gewinnen, die zu Recht den Ruf genießen, das härteste Langstreckenrennen überhaupt zu sein. Aber der Ford GT40 war nicht nur ein hervorragendes Auto, sondern auch einer der schönsten Sportwagen überhaupt. Kein Wunder also, dass man bei Ford im Laufe der Jahrzehnte immer wieder einmal Versuche startete, diese Legende wiederzubeleben. Aber ob 1994 mit dem Ford GT90 oder mit dem Ford GT von 2004 – keines dieser Modelle atmete derart den Geist des Originals, wie es nun der neue, in diesem Jahr vorgestellte Ford GT tut.

 

Dabei treibt den Supersportwagen heute kein V8-Big-Block mehr an, sondern – in Zeiten von Downsizing ökologisch korrekt – ein V6-Motor, der sich allerdings kaum unter 20 Litern bewegen lässt. Und ein Jahr nachdem die Rennversion erstmals wieder in Le Mans in ihrer Wertungsklasse siegen konnte, hat Ford nun auch eine Version für die Straße aufgelegt. Wobei sich der Unterschied zumindest auf den ersten Blick kaum erschließt. Denn viel mehr als eine Klimaanlage und eine dringend erforderliche Rückfahrkamera hat man dem Ford GT in Sachen Komfort (und damit lästigem Übergewicht) nicht zugestehen wollen. Nichtsdestotrotz haben sich Ingenieure und Designer aus dem in unmittelbarer Nachbarschaft zur Automobil-Metropole Detroit gelegenen Dearborn selbst übertroffen und haben einen Supersportwagen auf die Räder gestellt, der es in jeder Disziplin, ob in Sachen Leistung oder beim Schaulaufen auf den Boulevards der Metropolen, mit Ferrari, Lamborghini oder Porsche aufnehmen kann: Mittelmotor mit 656 PS, 7-Gang Doppelkupplungsgetriebe, eine Karosserie nahezu ganz aus Carbon, Flügeltüren und mit etwa 530.000 Euro ein Preis, für den man zweieinhalb Ferrari 488 GTB oder drei Lamborghini Huracán bekommen würde – das sind einige der Eckdaten dieses fantastischen Autos.


Oder, wie ein Journalist von „Zeit Online“ sehr eindrücklich feststellte: „Ein Ford Focus kommt billiger als ein Satz GT-Carbonfelgen für 16.000 Euro.“ 530.000 Euro, mehr als eine halbe Million also für ein, wenn auch ganz außergewöhnliches Auto eines Großserien und damit Massen-Automobil-Herstellers – wer bezahlt einen solchen Preis? Offensichtlich mehr Leute, als das Angebot hergibt. Denn auch wenn Ford die ursprüngliche Absicht, nicht mehr als 300 Autos zu produzieren, aufgegeben und sich mittlerweile für eine Limitierung auf 1.000 Fahrzeuge entschlossen hat, die bis 2020 produziert werden sollen, gleicht es doch beinahe einem Sechser im Lotto, einen Ford GT erwerben zu können. So sollen bisher gerade einmal neun Exemplare nach Deutschland gekommen sein. Und der Auswahlprozess für potenzielle Kunden erinnert eher an die Aufnahme in eine geheime Loge denn an einen Autokauf. Interessenten müssen u. a. belegen können, ob und wie viele Ford-Modelle sie bereits besitzen oder in der Vergangenheit besessen haben, und auch ein persönliches Bewerbungsgespräch gilt als verpflichtend. Hat man all diese Prüfungen erfolgreich hinter sich gebracht und kann den Ford GT endlich sein Eigen nennen, steht einer Spitzengeschwindigkeit von knapp 350 km/h kaum etwas im Wege – vorausgesetzt, man findet irgendwo ein Stück Autobahn, das solche Dimensionen zulässt.


Sich einmal fühlen wie Jacky Ickx, mag manch einer dann denken. Der Belgier Ickx ist einer der berühmtesten und vielleicht gar der beste Rennfahrer aller Zeiten, der in nahezu jeder Renndisziplin, von der Formel 1 über Langstreckenrennen bis hin zur Rallye Dakar, erfolgreich war. Sechsmal konnte der heute 72-jährige allein die „24 Stunden von Le Mans“ gewinnen, davon einmal, 1969, in einem Ford GT40. „Track“ heißt beim neuen GT das Zauberwort für die Rennstrecke. Denn in diesem Modus senkt sich das Fahrwerk so weit ab wie bei der Rennversion des GT. Von Bodenfreiheit kann jetzt allerdings nur noch sehr bedingt, von Komfort überhaupt nicht mehr die Rede sein. Denn dann jagt der Ford so knüppelhart über deutsche Autobahnen, dass man sich fragt, wie oft ein echter Rennpilot wie Ickx wohl schon einen Bandscheibenvorfall zu beklagen hatte. Da neben dem „Track“-Modus mit „Wet“, „Normal“, „Sport“ und „Vmax“ aber vier weitere Fahr-Modi zur Verfügung stehen, bleiben Amateur-Rennfahrern schwerwiegendere Rückenprobleme vielleicht erspart. Zwar wird der Ford GT im Modus „Normal“ nicht gleich zum Komfort-Mobil, aber erweist sich so dann doch als einigermaßen alltagstauglich.

 

Käfer - Die Zeitung 05/2017

 

 

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