Harte Schale, weicher Kern

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An der französischen Atlantikküste stellt die Firma BAM seit über 40 Jahren die wahrscheinlich besten Instrumentenkoffer der Welt her. Wir sprachen mit Inhaberin Katja Goetz und haben eine Menge erfahren über die Marke und die Musiker, die sie lieben.


Von Anna Schütz


Es ist der 26. März 2011. Der Frühling liegt schon in der Luft, als Patrick McEntee, Student am Royal College of Music in London, die Straße überquert und mit voller Wucht von einem Taxi erfasst wird. Viele Menschen beobachten den schweren Unfall und sehen, wie der Musiker gegen die Windschutzscheibe prallt, über den Wagen fliegt und anschließend allem Anschein nach schwer verletzt auf dem Rücken liegen bleibt. Ein Krankenwagen bringt ihn mit Blaulicht in die Notaufnahme, wo er über Stunden untersucht und befragt wird, bis ihm ein Arzt endlich sagt, sein Zustand gleiche einem Wunder, er habe lediglich ein paar Schrammen und Quetschungen erlitten und könne nach Hause gehen. Offenbar hatte sein Instrumentenkoffer den Aufprall abgefangen und ihm das Leben gerettet. Der junge Mann ist zwar erleichtert über seinen Gesundheitszustand, ihm graut nun allerdings vor etwas anderem: dem Blick auf sein wertvolles Instrument. Als man ihm den Koffer allerdings aushändigt, darf er feststellen, dass er seinerseits kaum Blessuren davongetragen hat: Der erwartete Haufen Holz und loser Saiten ist eine völlig unberührte Bratsche.


Patrick McEntee schwört BAMcases, dem Hersteller des Instrumentenkoffers, ewige Dankbarkeit für die Rettung seines Lebens und der Rettung der Viola. Und damit ist er nicht allein. Die Liste der Erzählungen, in der ein BAM-Etui mindestens das Leben des ihm anvertrauten Instrumentes vor Feuersbrünsten, Unfällen und Stürzen aus großer Höhe bewahrt hat, ließe sich noch lange weiterführen. Und so verwundert es nicht, dass die vielen Künstler, deren Geigen, Bratschen, Celli, Klarinetten, Flöten und Saxophone nicht selten fünf-, sechs- und sogar siebenstellige Summen kosten, dem französischen Hersteller vertrauen.


Um Instrumente zu schützen, überlässt BAMcases nämlich nichts dem Zufall. Beste Qualität ist hier das Ergebnis einer einzigartigen Kombination aus handwerklicher Genauigkeit und jahrelanger Optimierung der technischen Prozesse. Immer bestehen die Hardshells, die seit jeher an der französischen Atlantikküste in der Nähe von Deauville in einem aufwendigen Verfahren hergestellt werden, aus einer Mischung aus den Kunststoffen PVC und ABS. Die genaue Zusammensetzung ist natürlich ein gut gehütetes Firmengeheimnis. Die Schlösser schließen sanft und leise und sind immer mit einer besonderen Schutzschicht überzogen. Die Griffe sind robust und sicher. Jedes Zulieferunternehmen wird streng kontrolliert.


„Ganz am Anfang standen Laurence O´Neill und Philippe de Trogoff, Lebenskünstler und Späthippies“, erzählt Katja Goetz von den Anfängen der Firma vor über 40 Jahren. Und eigentlich wollte Philippe ein Segelboot bauen, stellte dann aber fest, dass das Material, mit dem er da die ganze Zeit herumexperimentierte, genau die Eigenschaften hatte, die auch ein Koffer für seine geliebte Gitarre haben müsste: leicht und trotzdem enorm stabil.“ Der erste Prototyp entstand und fand große Begeisterung bei den Musikerfreunden. Es folgte die Patentanmeldung und Gründung der Firma auf den schlichten Namen BAM – „boîte-à-musique“ – übersetzt eigentlich nur „Musikkasten“. Etwas Besseres fiel ihnen auf die Schnelle nicht ein. Aber der heutige Marktführer für hochwertige Instrumentenkoffer war geboren.


2011 übernahmen dann die beiden Branchenkenner Robert und Katja Goetz die Firma und brachten frischen Wind an die Atlantikküste. „Die Qualität der Koffer war immer top. Aber als mein Mann und ich BAM übernahmen, waren sie nur schwarz und eigentlich ein bisschen trist“, erzählt Katja Goetz im Interview. „Heute kommt alle zwei Jahre eine neue Kollektion auf den Markt!“ Die Musiker und Musikerinnen können nun aus verschiedensten Produktlinien von klassisch-edel bis poppig-bunt auswählen. Und die werden von der Designerin Goetz mit dem Produktionsteam selbst entwickelt: „Der asiatische Markt zum Beispiel ist sehr mutig und lustig, ganz anders als die Deutschen, die dagegen fast ein bisschen spießig wirken, oder die Franzosen, die es sehr modisch und klassisch mögen.“


David Garrett zum Beispiel verpackt seine Geige in einem Etui mit Totenkopf, die thailändisch-britische Violinistin Vanessa-Mae bevorzugt die Limited Edition „Paris“ im bunten Hahnentritt-Muster und die Capuçon-Brüder, deren Geige und Cello bei der EM-Eröffnung zu hören waren, besitzen BAM-Etuis der Linie „L’Étoile“, die auch Katja Goetz selbst besonders liebt. Sie ist sozusagen die Hermès-Tasche unter den Etuis, aus feinstem Leder und Silber, die in den Farben Cognac, Himmelblau, Schwarz, Chocolat, Greige und Pflaume bestellt werden kann, und die für ein Cello beispielsweise um 3.600 Euro kostet. Ein Preis, den die Kunden zu zahlen bereit sind. Immerhin verstehen viele Musiker ihr Instrument als Lebensbegleiter, sie geben ihm Namen und verbinden oft große Gefühle mit ihm. Aber es geht dennoch auch ein bisschen günstiger. Die günstigsten Cases der Linie „Performance“ gibt es ab 400 bis 500 Euro. „Total gut angekommen ist auch 'Texas' aus Kuhleder“, lacht die Inhaberin. „Eigentlich war das nur als Messe-Gag für die Amerikaner gedacht, aber jetzt sind wir ständig auf der Suche nach großen normannischen Kühen für die Cello-Kästen.“


Und da immer nur das Beste gut genug ist, weiß der Kunde schon bei der Bestellung, dass er mindestens acht Monate Geduld haben muss, bis er sein Instrument in den sicheren Schoß seines BAMcases legen darf. Und oft dauert es sogar noch länger; manchmal wartet einer fast ein Jahr. Aber das ist kein Problem: Schließlich hat der Musiker ja bereits ein BAMcase und wartet nur auf das neue ...

 

 

 

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