Beauty and Beast - Der Bugatti Chiron

 

1.500 PS, 16 Zylinder, ein maximales Drehmoment von 1.600 Newtonmetern, eine Höchstgeschwindigkeit von 420 km/h und ein Kaufpreis von knapp drei Millionen Euro – Das sind nur einige der Daten, die den neuen Bugatti Chiron zum stärksten, teuersten und nicht zuletzt begehrenswertesten Seriensportwagen der Welt machen.

 

Nun könnte man in einer Zeit, die technische Höchstentwicklungen einerseits bejubelt, andererseits aber auch kritisch beäugt, durchaus Fragen stellen wie „Muss ein Sportwagen über 1.500 PS verfügen, um sehr schnell zu sein?“ oder „Muss ein Automobil drei Millionen Euro kosten, um dem Besitzer ein Gefühl höchster Exklusivität zu vermitteln?“ Und die Antwort würde wohl in jedem Fall lauten: „Kaum!“ Denn schnell ist zum Beispiel auch ein Renault Mégane RS, der auf der berühmten Nordschleife des Nürburgrings schon manchem 911er das Fürchten gelehrt hat, aber gerade einmal 36.000 Euro kostet. Echte Exklusivität wiederum strahlt heute auch ein liebevoll restaurierter 2CV von Citroën, die legendäre „Ente“, aus.

 

Und doch hat der Bugatti Chiron seine Existenzberechtigung. Denn dieses Auto zeigt, was möglich ist, wenn Designer und Ingenieure aus dem Vollen schöpfen dürfen. Wenn nicht Controller das letzte Wort haben, sondern wenn ausschließlich der Wunsch, das Beste vom Besten und das Schönste vom Schönen zu bauen, die Grenze aller Überlegungen ist. Da ist es nicht übertrieben, wenn Bugatti den Chiron ganz unbescheiden mit „der leistungsstärkste, schnellste, luxuriöseste und exklusivste Serien-Supersportwagen der Welt“ bewirbt. Bugatti und der Chiron – diese Verbindung steht aktuell für das automobile Nonplusultra. Dafür, was dabei herauskommt, wenn Geld bei der Entwicklung und der Produktion keine Rolle spielt.

 

Bis hierhin aber war es für Bugatti ein langer Weg. Einer, der längst zur Sackgasse geworden zu sein schien. Denn die von Ettore Bugatti 1909 im elsässischen Molsheim gegründete Marke, die in den 1920er- und 1930er-Jahren Erfolge im internationalen Rennsport fast am Fließband einfahren konnte und bis 1963 produzierte, schien viele Jahrzehnte lang nur noch eine wehmütige automobile Erinnerung. Bis schließlich der Volkswagen-Konzern das große Potenzial der Marke erkannte, 1998 die Design- und Namensrechte übernahm und 2005 mit dem Veyron den ersten Bugatti des 21. Jahrhunderts vorstellte. Schon der Veyron, der bis 2015 gebaut wurde, war dank seiner Leistungsdaten (16 Zylinder, 1.200 PS und 431 km/h Top speed) im Segment der Supersportwagen unerreicht. Dass der Chiron dies nun noch toppt (die Höchstgeschwindigkeit wird bei 420 km/h abgeregelt), belegt den Anspruch von Bugatti, keinen Nachfolger, sondern einen ganz neuen, ein anderen und noch besseren Sportwagen zu bauen.

 

Schon bei der Namensgebung war das Beste gerade gut genug. Der Chiron ist benannt nach dem monegassischen Rennfahrer Louis Chiron (3. August 1899 – 22. Juni 1979), der in den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren u. a. auf Bugatti der erfolgreichste Rennfahrer überhaupt war und so z. B. 1928 den GP von Italien, 1930 den GP von Belgien und 1931 die GPs von Monaco, von Frankreich und der Tschechoslowakei gewinnen konnte. Chirons Karriere umspannte mehr als 30 Jahre. 1955 war er beim Grandprix von Monaco mit damals 55 Jahren der älteste Fahrer, der bis heute aneinem Formel-1-Rennen teilgenommen hat. Ein Jahr zuvor hatte das Allroundtalent zudem die Rallye Monte Carlo gewinnen können. Ein mehr als würdiger Namenspatron also für ein Automobil, das nicht weniger sein will als das Beste der Welt. So lässt der Chiron selbst den Veyron alt aussehen. Zumindest wenn es um den Anspruch bloßer Sportlichkeit geht. „Das Auto ist sportlicher ausgelegt, etwas mehr Beast als Beauty im Vergleich zum Veyron“, so Bugatti-Chefdesigner Achim Anscheidt in einem Interview mit dem Magazin „Ramp“. „Mehr Beast als Beauty“ – das trifft es wohl recht gut. Was nicht heißen soll, dass der Chiron nicht auch ein ausgewiesener Eyecatcher wäre. Im Gegenteil: Der Chiron ist eine automobile Skulptur, die bis ins kleinste Detail, sei es eine Leuchtdiode oder eine Ledernaht, auf Funktion, aber eben auch auf Wirkung konstruiert wurde. Manches, wie die Mittelkonsole aus Aluminium, scheint buchstäblich aus dem Vollen gefräst. „Form Follows Function“ lautet Bugattis Maxime, die besagt, dass die Mehrzahl der Designelemente einen technischen Hintergrund hat, und ihre Gestaltung die gewachsenen Performance-Anforderungen unterstützt.

 

Dabei will der Chiron gar kein reines Performance-Monster sein. Er könnte, wenn er wollte. Aber er will nicht, zumindest nicht immer. Das Selbstverständnis dieses Autos sieht es nicht vor, damit zu prahlen, dass man in kaum zu fassenden 2,5 Sekunden von null auf hundert km/h beschleunigen kann, bereits bei weniger als 6,5 Sekunden die 200 km/h und weitere sieben Sekunden später 300 km/h erreicht hat. „Der Chiron ist kein Rennauto für die Straße“, sagt Anscheidt. „Er steht nicht in Konkurrenz zu anderen Supersportwagen, die es derzeit auf dem Markt gibt. Und das aus gutem Grund. Der Chiron hat sein eigenes Segment, seine eigene Nische geschaffen und auch seine eigenen Kunden, die genau diese Mischung aus Beauty und Beast schätzen.“

 

Tatsächlich soll sich der Chiron fahren lassen wieviele andere „normale“ Autos auch. „Unsere Kunden können mit diesem Auto cruisen wie mit einem sportlicheren Pkw“, bestätigt der Chef-Designer, „und dann plötzlich das Biest rauslassen und eine Beschleunigung erleben, die sie so nirgendwo auf der Welt in dieser Form erfahren können.“ Das ist es, was das Wesen des Chiron ausmacht: Er ist alles in einem, Gran Tourismo für die Reise, Supersportler fürs Vergnügen und vielleicht ein kleines bisschen sogar das, was Rennsport-Fans als Race-Tool bezeichnen, ein Sportgerät für die Rennstrecke. Wie sagt Anscheidt doch über die Fahrer eines Chiron: „Sie genießen es, dahinzugleiten, aber immer zu wissen: Sie haben die Karte im Spiel, die alles sticht.“

 

                                                                                                Text: Andreas Kötter

 

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