Keine Angst vor großen Tieren - Kendra Haste

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Die englische Künstlerin und Bildhauerin Kendra Haste schafft lebensgroße Abbilder von Wildtieren. Das Material ihrer Wahl: Draht!


Angst vor großen Tieren? Kennt sie nicht! Warum sollte sie auch? Schließlich ist Kendra Haste so etwas wie die Mutter von Elefant und Löwe, um nur zwei der begehrten „Big Five“ aus ihrem Portfolio zu nennen. Haste ist Künstlerin und nimmt das oft missbrauchte Motto „Think Big“ ganz wörtlich. Aus schlichtem Drahtgeflecht schafft die Britin lebensgroße, aber längst nicht nur deshalb lebensechte Abbilder von großen Säuge- und Raubtieren. Ihre Skulpturen seien „keine Abbilder von Stereotypen, keine generalisierten Interpretationen einer Spezies“, so ein Kunstkritiker. Vielmehr versuche die Künstlerin, „den individuellen Geist und Charakter der Tiere in 3D einzufangen“. Haste versteht Tiere als Individuen mit entsprechendem individuellen Ausdruck. „Ich habe Tiere, vor allem große Säugetiere, schon immer geliebt, sie haben eine einzigartige Präsenz“, erzählt die Bildhauerin im Interview. Besonders begeistere sie „die Anatomie und die Muskulatur dieser großen Tiere, die eine ungeheure Energie ausstrahlen.“ Und tatsächlich scheinen ihre Skulpturen zu leben, wirken immer (wie) in Bewegung. So scheint sich eine Giraffe gerade am Grün etwaiger Bäume laben, ein Löwen-Rudel auf die Pirsch gehen zu wollen.


Der Werkstoff: Draht wie für einen Kaninchenstall


Dieses beeindruckende Ergebnis erzielt Haste mit einemungewöhnlichen Werkstoff: Sie formt ihre Skulpturen aus Drahtgeflecht, wie man es etwa für einen Hühner- oder Kaninchenstall verwenden würde. Schon seit 1993 beschäftigt sich die Künstlerin mit der Verbindung von Draht und Tier-Skulptur und hat seither eine Meisterschaft in der Arbeit mit diesem Material entwickelt, die ihresgleichen sucht. „Draht lässt sich recht leicht bearbeiten und formen, sodass die Muskulatur bzw. der zur jeweiligen Situation passende Muskeltonus des Tieres ganz deutlich hervortritt“, erklärt sie. Auf die Idee, Draht zu verwenden, sei sie gekommen, als sie noch 3D-Zeichnungen gemacht habe. Die „Textur des Drahtes“ habe sie rasch an die Ergebnisse beim 3D-Zeichnen erinnert, sodass die fortführende Arbeit mit Draht eine „logische Fortsetzung“ gewesen sei. In gewisser Weise sei es, als würde sie „mit Draht zeichnen“. Tatsächlich sind ihre Skulpturen von solcher Authentizität, dass die dem Material entsprechende, silbergraue Farbe dem Echt heits empfinden beim Zuschauer keinen Abbruch tut. Ähnlich einem Tier-Fotografen, der einen ganz besonderen Moment im Leben eines individuellen Tieres einfängt, schenkt Haste ihren Skulpturen einen ganz bestimmten Augenblick im Lebenszyklus der tierischen Vorbilder. Ein Vergleich, der der Künstlerin gefällt. „Das trifft absolut zu, meine Skulpturen sind wie ein Schnappschuss – mit dem kleinen, aber entscheidenden Unterscheid, dass ich die Tiere in 3D, in drei Dimensionen zeigen kann“, lacht sie. Fotografien nutze sie bisweilen als Vorlage, noch lieber aber beobachte sie die Tiere in ihrer jeweiligen natürlichen Umgebung. So lasse sich am besten dem Verhalten und den Bewegungen der Tiere gerecht werden. Auch der eingangs erwähnte „Mutter der Tiere“-Gedanke scheint Haste übrigens zu gefallen. „Das ist gar nicht so weit hergeholt“, lacht sie. „Ich gewöhne mich sehr schnell an die Präsenz der „Tiere“ im Studio, muss aber bei den besonders großen Skulpturen den dortigen Raumverhältnissen Rechnung tragen. Mein Studio ist nicht besonders groß, und am besten kommen die Tiere natürlich an den ausgewählten Orten zur Geltung, für die sie bestellt wurden. Erst dort wirken sie in ihrer ganzen Schönheit.“


Royal Beasts für den Tower of London“


Ein solcher ausgewählter Ort ist der legendäre „Tower of London“. Man muss wissen, dass dort, im altehrwürdigen Gemäuer, seit der Herrschaft von King John (1199–1216) über sechs Jahrhunderte lang exotische Tiere gehalten wurden, die den jeweiligen englischen Herrschern meist von Gästen zum Geschenk gemacht wurden. Aktuell erzählt davon die Ausstellung „Royal Beasts“ mit unzähligen Exponaten. Von denen einige aus der Hand von Haste stammen. 2010 hatte man sie beauftragt, dem Tower 13 Tierskulpturen zur Verfügung zu stellen. „Ich war ganz aus dem Häuschen“, so die Künstlerin, der man ihre Ergriffenheit selbst heute noch anmerkt. Dort ausstellen zu dürfen, „das ist eine ganz große Ehre. „Ein fantastisches Projekt“ sei die Ausstellung, für die sie intensiv mit Geschichtskuratoren und dem englischen Denkmalschutz zusammengearbeitet habe. „Sowohl die Frage, welche Tiere, wie auch die, wo sie auf dem Gelände des Towers aufgestellt werden sollten, bedurfte einer sehr akkuraten Vorbereitung, bei der nicht zuletzt der Denkmalschutz ein entscheidendes Wort mitgesprochen hat“, erinnert sie sich. Eine enorme Herausforderung sei das damals gewesen. Sie sei sich sicher, dass den Ausschlag für ihre Arbeiten die Wahl des Materials gegeben habe. „Man wollte offen sichtlich einerseits der „tierischen“ Vergangenheit dieses Ortes gerecht werden, ohne den Tower andererseits durch Exponate aus Plastik oder einem anderen Material zu einer Art Disney-Land zu machen“, lacht sie.


Mustangs sind Kendra Hastes nächste Herausforderung


Noch bis 2021 werden ihre Kunstwerke auf dem Gelände des Towers zu sehen sein. Und auch in der Waterloo Station, einem der bekanntesten Londoner Bahnhöfe und dank einer viel frequentierten U-Bahn-Station zudem einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der Stadt, ist Haste präsent. Reisende und Fahrgäste treffen hier auf einen Elefanten, und manch einer mag im ersten Augenblick zurückschrecken ob der vermeintlichen Echtheit der lebensgroßen Skulptur. Es sind aber längst nicht nur öffentliche Auftraggeber, die sich mit Hastes Exponaten schmücken. Auch viele private Kunst- und Tierliebhaber „in Europa, den USA oder Kanada haben schon bei mir bestellt“, sagt sie. „Mein bisher größtes Objekt war eine Giraffe, die heute ihr Zuhause in einem Privathaushalt hier in England gefunden hat“. Aktuell sei sie noch mit kanadischen Wildtieren, mit Braunbären und Seelöwen beschäftigt. Später im Jahr wolle sie sich aber intensiv mit dem Thema Pferd auseinandersetzen. Mustangs, die Wildpferde der amerikanischen Prärien, haben es ihr ganz besonders angetan. „Vor einigen Jahren habe ich Arizona besucht, und schon damals war ich fasziniert von der Schönheit und dem Anmut dieser Tiere“, schwärmt sie. „Jetzt werde ich alles daran setzen, dass ich auch den Mustangs, die eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für den Gründungsmythos der USA haben, gerecht werde.“

 

                                                                                                        Text: Andreas Kötter

 

 

 

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