Eine Welt für sich - Globenmacher Peter Bellerby

 

Im Londoner Stadtteil Stoke Newington lässt ein britischer Unternehmer ganze Welten entstehen – ein Besuch beim Globenmacher Peter Bellerby.


Da hängen die Antillen auf der Leine und ein bisschen weiter ein Stück von Korea; man muss aufpassen, dass man nicht gegen den Südpol läuft aus Versehen. Hier, in ein niedriges Backsteingebäude im Londoner Norden, passen ganze Welten: in groß, in klein, mit Alu-Fuß oder auf Holz ruhend, multidirektional drehend oder um die eigene Achse kreisend – aber immer von Hand gemacht. Der Schöpfer der Welt heißt Peter Bellerby. Und alles begann, weil er das passende Geschenk für den 80. Geburtstag seines Vaters suchte. Es sollten endlich einmal keine Socken und Krawatten für den alten Schiffsbauer sein. Ein Globus wollte gefunden werden. Natürlich entdeckte der Sohn welche – bunte, moderne, antike oder welche aus Plastik für den Swimmingpool; aber keiner war ihm gut genug. Dem einen fehlte ein ganzes Land, der nächste hatte arabische Städtenamen falsch transkribiert und bei dem dritten verlief eine Grenze definitiv falsch. Und Tausende kosteten sie zum Teil trotzdem. Also entschied der Mann sich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, und dem Vater einen Globus zu bauen.„Die Sache ist dann außer Kontrolle geraten“, sagt der 50-Jährige heute – Jahre und zahllose Versuche später. Bellerby verbiss sich in das Projekt. Aber schon ganz am Anfang drohte das Projekt zu scheitern an der Suche nach einer korrekten Weltkarte. Sechs Monate dauerte es, bis er eine Karte fand, die seinen Ansprüchen genügte. Obwohl sie natürlich nie 100%ig sein könne, denn Informationen über Ländergrenzen, Städtenamen und Küstenverläufe änderten sich ständig, weiß der studierte Geograf.


Und dann kam gleich die nächste Hürde: Wie bekommt man eine flache, zweidimensionale Karte faltenfrei auf eine Kugel? Dass es dazu sphärischer Geometrie bedarf, weiß man schon lange. Per Mausklick gibt es sie erst ein halbes Jahrtausend später. Peter Bellerby lässt ein Computerprogramm entwickeln, das ein Jahr nach Projektbeginn 48 hundertstelmillimetergenaue Kugelzweiecke ausdruckt, die zusammen einmal die Erde abbilden. Bellerby ist zufrieden und bereit zum Aufkleben, als er feststellt, dass Kugelhersteller mit Toleranzen arbeiten, die weit über der seinen liegen. Letztlich wendet er sich an Formel-1-Wagen- Hersteller, weil die nun wirklich präzise arbeiten müssen. Und immer wieder verzögern Kleinigkeiten den Prozess; drei bis vier Globen pro Woche schmeißt er in den Müll. 2010 erst, zwei Jahre nach Projektbeginn, hält er endlich den ersten Globus in den Händen. 225.000 € hat er dafür ausgegeben und den finanziellen Ruin riskiert. Irgendwann konnte er gar nicht mehr anders, als weitermachen. Es musste ein Ergebnis her!


Mittlerweile produziert er Globen für Hollywoods Größen, für Harrods und die Royal Geographical Society. Manche kosten ein Vermögen, nicht ganz so viel wie der erste, „das war der teuerste Globus, der je hergestellt wurde“, lacht Bellerby. Aber die Kunden bezahlen den Preis, manche bis zu 65.000 €. Sie warten viele Wochen darauf, bis ihr Stück fertig ist. Denn die Werkstatt ist immer ausgebucht. Die Bestellungen kommen aus Japan, den USA und Südamerika. Da ist zum Beispiel der Kunde, der einen Himmelsglobus möchte, mit einer handgemalten Version desselben, der die Sternbilder in unverzerrter, aber spiegelbildlicher Lage zeigt. Der Betrachter muss sich in den Globus hineinversetzen, um das Firmament richtig zu sehen. Oder die Brasilianerin, die eine Weltkugel will, die zu ihrer Weltsicht passt und deshalb einmal komplett umgedreht dargestellt werden muss. Allein daran arbeitet seine Kartografin Monate. Fünf Mitarbeiter hat Bellerby. Jeden einzelnen hat er genau ausgesucht. Er hat sie monatelang angelernt und in die Geheimnisse des Globenmachens eingeweiht, bis sie Schicht für Schicht die sorgsam angemischten Farben auftragen dürfen. In der Werkstatt herrscht absolute Stille und Konzentration. Es sind wahre Kunstwerke, die da entstehen. Denn um schlichte Orientierungshilfen ging es Peter Bellerby natürlich nie. Im Auto weist uns das Navi mit wahlweise männlicher oder weiblicher Stimme den Weg, jedes Smartphone hat ein eigenes Kartenprogramm und auch Google Maps sei faszinierend, gesteht Bellerby, er benutze es, um von A nach B zu gelangen. „Ein Globus aber inspiriert, von A nach B zu wollen!“ www.bellerbyandco.com

 

 

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