Geflickt & Zugenäht

 

Winzige Nadeln, hauchfeines Garn und welkes Blattwerk – daraus zaubert die Objektkünstlerin Susanna Bauer filigrane Kunstwerke.


Im herbstlichen Garten machen sie uns Arbeit, weil wir sie ständig zusammenharken müssen, im Wald und auch sonst laufen wir an ihnen vorbei oder trampeln gar achtlos auf ihnen herum. Nur die Kinder lieben sie, die gefallenen Blätter – auch dann noch, wenn sie schon braun und verwelkt sind. Das ist auch der Zustand, in dem sie für Susanna Bauer interessant werden: „Es geht um Zeit und Vergänglichkeit“, erklärt sie, „darum, dass aus diesem eigentlich bereits vergangenen, weggeworfenen Objekt etwas Neues wird.“ Die Objektkünstlerin aus Cornwall häkelt die Blätter in filigrane Gewänder und macht sie zu Skulpturen, die ihre Spitzentutus und Laufmaschen mit Stolz tragen. Ihre Nadeln sind winzig, das Garn hauchfein. Vorsichtig und mit Fingerspitzengefühl entsteht Masche für Masche aus dem welken Blatt ein Kunstwerk, dem sich auch der Betrachter kaum zu entziehen vermag. Plötzlich entdeckt man Details – die feine Maserung des Laubs, die individuelle Färbung oder den wunderschön gezackten Rand.


Susanna Bauer erinnert sich sehr genau daran, wie sie zum ersten Mal bewusst ein Magnolienblatt wahrnahm: dessen Größe und fast klassisch zu nennende Blattform, die schönen Adern und das Ledrige zwischen den Fingern. „Ich liebe das Magnolienblatt“, sagt sie, „weil es so einfach ist und viel Interpretation zulässt.“ Und auch wenn sie alle vom selben Baum stammten, sehe doch jedes anders aus. Diese Erfahrung inspirierte sie derart, dass sich etwas in ihr Bahn brach. Sie begann, Blätter mit traditionellen Herbarientechniken zu konservieren. „Getrocknet oder gepresst können Blätter Jahrhunderte überdauern“, weiß die Laubkünstlerin aus Südengland: „In meinem Atelier hängen zahllose Blätter, die manchmal Jahre auf ihre Verwendung warten.“ Auch kleine, feine Eichenblätter oder Blätter einer Platane baumeln dort und werden vielleicht irgendwann auserwählt und ein Kunstwerk werden.


Dabei fing alles ganz anders an und ganz anderswo: Susanna Bauer wurde im bayerischen Eichstätt geboren, wuchs in Altötting auf und studierte als leidenschaftliche Naturliebhaberin, die sie immer war, in München Landschaftsarchitektur. „Aber ich merkte, dass sich das nicht richtig anfühlte.“ Sie sattelte um und absolvierte eine Ausbildung zur Modellbauerin für Industriedesign. Und obwohl das sehr weit von der Natur weg war, passte es. Hatte sie doch als kleines Mädchen schon stundenlang gehäkelt, gestrickt und gebastelt und mit Pinzette und Engelsgeduld ganze Welten in Streichholzschachteln geklebt. Nach der Lehre fertigte Susanna Bauer dann auch – erst noch in München, später in London und Irland jahrelang millimetergenau Telefone, Ufos und Riesenschokoriegel und malte mit fünfhaarigen Pinselchen und einer Lupe Preisschilder für Marktstände in Puppenstubenformat für Filmproduktionen wie „Wallace & Gromit“. Nur am Wochenende floh sie aus der hektischen Großstadt ins Rosamunde-Pilcher-Idyll nach Cornwall zu ihrem Lebensgefährten. „Das war wie ein anderes Leben“, erinnert sie sich. „Aber irgendwann spürte ich, dass etwas aus mir heraus wollte.“ Sie schrieb sich an einer Londoner Kunsthochschule ein und ging wieder zwei Jahre lang jeden Freitag aufs College. Der endgültige Bruch mit der Filmindustrie kam dann schließlich ganz plötzlich: Susanna Bauer erfuhr, dass sie schwanger ist, und hörte von einem Tag auf den anderen auf, als Modellbauerin zu arbeiten.


Und plötzlich liefen alle Fäden zusammen: die Liebe zur Natur und zur Handarbeit, ihr Händchen für die zerbrechlichsten Kleinigkeiten und die Kunst. Susanna Bauer begann einen ganz neuen Lebensabschnitt, der sie bis heute tief erfüllt: Sie sammelt Steine und Holzstücke, Äste und natürlich Blätter – vergängliche Dinge, nur allzu leicht übersehen – und gibt ihnen eine neue Bedeutung, einen neuen Wert. Ein Blatt mit mehreren Löchern flickt sie, häkelt kurzerhand Pflaster auf die Wunden und nennt das Ganze „Mend“ –, was übersetzt Flickstelle und als Verb im übertragenen Sinne auch heilen bedeutet. Dem nächsten Blätterpaar transplantiert sie ein Stück Gewebe vom jeweils anderen ein und häkelt die Narben fest, außerdem gibt es da Blätter-Kompositionen, die den Betrachter an Vater-Mutter-Kind-Beziehungen denken lassen, solche mit gehäkelter Aura und dreidimensionalen Formen. Welche Muster entstehen, ergebe sich beim Arbeiten, sagt Bauer, sie habe sie immer nur im Kopf. „Eine Anleitung könnte ich gar nicht lesen“, lacht sie. Was Susanna Bauer aber perfekt beherrscht, ist das Zusammenspiel von Spannung, Zug und Lockerheit ihrer Handarbeit. Vor allem die älteren Damen können beurteilen, welch’ handwerkliches Können und Geschick in den zierlichen Häkeleien steckt, und betrachten voller Bewunderung die Exponate in den Ausstellungen. Aber es ist natürlich nicht nur die kunsthandwerkliche Leistung, die den Betrachter fasziniert und die Frage nach dem technischen How-to-do. Jeder spürt sofort die referentielle Ebene der Objekte und setzt sie in Beziehung zu sich selbst. Es wird deutlich, dass jedes Blatt eine eigene Individualität hat und eine Geschichte, dass es mit anderem in Beziehung steht und interagiert. Dass es sich hier um welke Blätter handelt, die uns im Garten Mühe machen und die wir allzu oft mit Füßen treten, erscheint da plötzlich ganz unglaublich...

 

 

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