Nicht zu fassen - Studio Job

 

Künstler? Designer? Scharlatane? Der Belgier Job Smeets und die Niederländerin Nynke Tynagel sind die Köpfe des Antwerpener „Studio Job“, das Objekte voll faszinierender Magie und kindlicher Fantasie als Unikate und in Kleinstauflagen entwirft. Ist das schon Kunst? Oder „noch“ Design? Eine Annäherung.


Was haben Sie sich gedacht, als Sie die Objekte auf dieser Seite entdeckt haben: Schmarrn? Spannend? Poetisch? Alles auf einmal? Hm, schwierig, oder? Über Job Smeets und Nynke Tynagel ist das abschließende Urteil längst nicht gesprochen. Doch Newcomer sind die beiden auch nicht mehr. Der Mittvierziger und die Enddreißigerin lernten sich während des Studiums an der Design-Akademie von Eindhoven kennen.

 

Smeets gründete danach 1998 in Antwerpen „Studio Job“, Tynagel folgte ihm zwei Jahre später. Beide sind auch privat ein Paar und „Studio Job“ hat mittlerweile ein Dutzend Mitarbeiter. Und obwohl die beiden für eine Retrospektive noch eindeutig zu jung sind, bleibt festzuhalten: Werke von Studio Job sind in Museen weltweit vertreten, vom Groninger Museum über das Londoner Victoria & Albert bis zum New Yorker MoMA. Ihr Design ist in seiner ganzen Vielfalt stets aufrüttelnd, gestenreich, hintergründig und frappierend. Und: neu. Wo hat man so etwas sonst schon mal gesehen?


Nun bewegen sich Künstler, mögen sie nun im Bereich „freier“ oder „angewandter“ Kunst tätig sein, ja stets im Spannungsfeld der Moderne, manche nennen es auch ein Dilemma: Einerseits steht in Zeiten des Internets jedem, der möchte und die Augen öffnet, der Zugang zu den Stilen, Formen und Methoden aller Epochen offen. Ein wahres Füllhorn der Inspiration! Andererseits sind in Zeiten der allgemeinen Desorientierung oft diejenigen Künstler (kommerziell) am erfolgreichsten, die eine eigene Handschrift pflegen, und sei sie auch noch so manieriert, siehe Damien Hirst, siehe Frank Gehry, siehe Philippe Starck.


Smeets und Tynagel kennen dieses Dilemma – und haben sich nicht entschieden. Stattdessen entwirft Studio Job Designobjekte, die meist auch Kunst sein können. Die man einfach „nur“ als Möbel, Leuchten, Objekt oder Dekor genießen kann, oder auch als subtilen Kommentar dazu. Folgerichtig sind viele Einzelstücke darunter, die aus eigenem Impuls entstanden sind. Aber auch Kleinstauflagen und Werkaufträge für so unterschiedliche Luxus-Unternehmen wie Bisazza, Bulgari, Faena, Godiva, Swarovski oder Venini, oder Modefirmen wie Viktor & Rolf.


Manche ihrer Möbel und Leuchten wirken wie aus einem Zeichentrickfilm geschnitten, wie die Abstraktion traditionellen Kunsthandwerks, wie ihr augenzwinkernder „Paper Chandelier“, ein funktionierender Kronleuchter aus Papier für die niederländische Design-Marke Moooi. Übrigens gemeinsam mit den ebenfalls für Moooi gefertigten Schränken aus Pappmaschee einer der wenigen Entwürfe, die regulär in Serie gingen – und deshalb noch erhältlich sind.


Manches wirkt laut und überbordend, wie ihr Showcar zum 64. Geburtstag des Land Rover Defender. Ein, ja, nennen wir es ruhig Kunstobjekt, das die ganze Bandbreite dieses ikonischen Automobils in sich aufnimmt: vom Mythos der „heiligen Kuh“ über den Snobismus der britischen Großstadt-Ladys bis hin zur zweifelhaften Rolle des Wagens in Afrika. Die Kreativität sei den beiden laut Smeets dabei „geradezu aus den Ohren geflossen“. Manches klingt auch ganz leise, wie der „Globe“ für die italienische Marke Gufram. Ein geradezu poetischer und doch mannshoher Schrank mit einem verträumten Globus in der Mitte, der sich ebenso gut als Kuriositätenkabinett für Vielreisende macht wie als unvergessliche Lebenserinnerung im Kinderzimmer. Nur in kleiner Auflage hergestellt und für rund 8.000 Euro noch zu haben!


Ganz klar Skulptur dagegen (oder doch eher Kunst zum Wohnen?) sind die „Landmark Series“, Kleinstserien für die Londoner Carpenters Workshop Gallery, die architektonische Wahrzeichen in wuchtiger, buchstäblich rahmensprengender Form in Möbel integrieren und persiflieren. Ganz klar Dekor sind die „Archives Wallpaper by Studio Job“ für die niederländischen Tapeten-Trendsetter NLXL. Insgesamt sechs verschiedene Designs aus dem Fundus von Smeets und Tynagel. Muster also, die die beiden bereits in anderen Zusammenhängen verwendet hatten, wie die Glasfenstermotive für „The Jane“, dem neuen Restaurant von Sergio Herman, das dieser im vergangenen Jahr in Antwerpen eröffnete.

 

„The Jane“ ist größer, lässiger und moderner als das legendäre „Oud Sluis“, in dem sich Herman, einer der authentischsten Meisterköche unserer Zeit, 20 von 20 Punkten im Gault Millau erkochte. Und provokanter, es befindet sich in einer aufgelassenen Kapelle, die verglaste Küche im ehemaligen Altarraum. Während das Interieur unter der Regie des niederländischen Designers Piet Boon sehr zurückhaltend und geradezu cool gehalten ist, fallen zwei „leuchtende“ Akzente besonders auf: der 800 Kilogramm schwere und zwölf mal neun Meter ausufernde Kronleuchter des libanesischen Designbüros .PSLAB, der in knapp drei Metern Höhe das Kirchenschiff krönt. Und – etwas subtiler – die 15 Glasfenster von Job Smeets und Nynke Tynagel.


In insgesamt mehr als 500 Glaspaneelen entdeckt man Jesus-, Marien- und Heiligenabbildungen, Totenschädel, Teufelsfratzen und Friedenstauben. Fein verwoben mit Bienenstöcken, Sonnenblumen und Softeiswaffeln, Zauberhüten, Gemüse und jeder Menge Küchenutensilien. Sakrale Zeichen treffen auf profane Symbole. Historie trifft auf Gegenwart. Vor allem aber kann sich jeder, der diesen Raum betritt, damit seine ganz eigene Geschichte und seine ganz eigenen Erinnerungen schaffen. Damit kommen Tynagel und Smeets auch der Küche von Sergio Herman sehr, sehr nahe.


Wenn man dann noch weiß, dass es die beiden Studio-Job-Köpfe waren, die die Backsteinkirche entdeckt und Herman als perfekten Inszenierungsort empfohlen haben, dann erkennt man, dass es nicht allein die kindlich sprudelnde Kreativität ist, mit der die beiden gerne als bestimmende Qualität ihrer Arbeit kokettieren, sondern auch die Fähigkeit, das erst noch Entstehende zu sehen. Smeets und Tynagel sind unglaublich präzise.


Ob man sie nun Designer oder Künstler nennt, Träumer oder Visionäre, spielt eigentlich keine Rolle. Aber dass sie einen berühren, wann immer man einer ihrer Arbeiten begegnet, diese Kunst steht außer Zweifel. Wenn Sie hineintauchen wollen in diese Wunderwelt, dann besuchen Sie doch die Swarovski Kristallwelten in Wattens. Dann werden zu deren 20-jährigem Jubiläum die fünf Wunderkammern wiedereröffnet, jede von einem internationalen Designer(team) neu gestaltet, eine von Smeets und Tynagel. Eine kurze Reise, die sich lohnt, denn wenn man es sich nicht bewahrt hat, lernt man mit den beiden das Staunen wieder.

 

 

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